Ausstellungen 2005

 

13.3. – 5.6. 2005

Falsche Erwartung - Złudne Oczekiwania
Zeitgenössische Kunst aus Polen


Die Ausstellung „Falsche Erwartung - Złudne Oczekiwania“ in der
Kunsthalle Darmstadt zeigt, daß die vielschichtige zeitgenössische
Kunstlandschaft Polens in keinerlei Hinsicht „auf einen Nenner“ zu
bringen ist, die Erwartung einer Nationalitäten-Schau prinzipiell
„falsch“ sein muß. Das Motto „Falsche Erwartung“ betrifft auch
die Binnenregeln der Werke selbst, mit denen die Künstler tradierte
Erwartungshaltungen aufbrechen oder verkehren.

I.: Erster Sektor von „Falsche Erwartung“ ist das Thema Figur.
Die Künstler ironisieren und umspielen die Gattung Skulptur genauso
wie die malerischen Grundmotive Akt und Porträt. Material und Gestalt
werden zu einem Mittel, die Erwartungshaltung gegenüber figurativer
Kunst „auszuhebeln“ und bewußtzumachen.

Gezeigt werden u.a. Zuzanna Janins (Warschau) „zerbröselnde“ Skulpturen
ohne Masse und Kern. Dem Betrachter bietet sich ein ungewöhnlicher Blick
durch die skelettierte Plastik. Er hat sich den Menschen, der die - an
mathematische Koordinatensysteme erinnernden - Raster überspannt,
selbst zu konstruieren

Die menschlichen Figuren von Agnieszka Kalinowska (geb. in Warschau,
Studium an der ASP Poznan) bestehen aus gespannten Gummibändern. Sie sind
in Bewegungsfolgen dargestellt, ziehen beispielsweise aneinander, scheinen
ihre Kräfte zu messen. Kalinowska durchbricht durch die Inszenierung von
Dynamik den Charakter statischer Plastik und führt die Figuren durch das
Material „Gummi" wortwörtlich als Bündel von energetischen Raumlinien vor.

Zofia Kulik (Warschau) gestaltet in ihren fotografischen Arbeiten den nackten
menschlichen Körper als Ornament. Sie ordnet Akte zu „Mustern“, verfremdet
sie zu geometrischen Elementen. Der tradierte Blick auf den nackten Körper ist
die Fixierung. Kulik nimmt dem Körper seine Prominenz, verbindet Makrostrukturen
abstrakter Kunst mit den Inhalten des Figurativen.

Andrzej Okińczyc (Posen) parodiert in seinen Gemälden die – im polnischen
Akademiebetrieb bislang durchaus dominante – Gattung Porträt. Er läßt den
Menschen in Lichtfeldern verschwinden oder durchleuchtet ihn, zeigt ihn in
Röntgenstrahlung, präsentiert in wörtlicher Weise einen ‚tieferen Einblick’.
Ironisch erscheint der Blick des Malers als Werkzeug, das Modell vollständig
zu „durchschauen“.

Lech Ratajczyk (Posen) durchbricht gleichfalls Erwartungen gegenüber tradierten
Gattungen. Er verfremdet menschliche Figuren und simuliert in der Malerei Collagen,
charakterisiert einerseits selbstironisch das Gemälde als Komposition formaler
Readymades und spricht ihm andererseits mimetische Allmacht zu.

Marta Deskur (Krakau) zerlegt Klischees von Familienleben. Sie zeigt in ihren
Fotoarbeiten eine fiktive Familie mit erfundenem Stammbaum und verbindet
alltägliche Ansichten mit biblischen Motiven. In dieser Weise führt sie die
Vorstellungen intakter familiärer „Zellen“ auf ihre motivischen Urquellen zurück
und entlarvt unreflektierte Vorstellungen von untrennbarer Intimität als Zitat
und Konstruktion.

II.: Zweiter Sektor von „Falsche Erwartung“ ist das Thema unerwarteter,
„verschobener“ Perspektiven.

Die Fotoarbeiten von Aneta Grzeszykowska und Jan Smaga (Warschau) zeigen
Wohnräume von oben. Private Refugien erscheinen so als abstrahierte Grundrisse,
als „Schnittmuster“, als Puzzle, das wiederum die Konstruktion von Intimität reflektiert
und bloßlegt.

Auch Maciej Kozlowski (Posen) gestaltet vielfach eine Sicht „von oben herab“.
Alltägliche Orte und Szenen – beispielsweise vor einem Grill - werden spielerisch
ihrer Selbstverständlichkeit enthoben, die Darstellung eines Drogenabhängigen
auf einer Toilette verbindet tragisches Geschehen und alltäglichen Ort. Gleichzeitig
nutzt Kozlowski sakrale Bildwelten und Comic-Motive für die Inszenierung seiner
„Überraschungen“. Diesen Gedanken überträgt Marcin Maciejowski (Krakau) auf
die Welt der Medien, der kommerziellen Werbung und erzieherischer Kampagnen.
Er isoliert in seinen Gemälden einzelne Motive aus Spots und medialen Belehrungen,
bettet sie ins „Nichts“. So reflektiert er die suggestive Kraft inszenierter‚ Verhaltens-
anweisungen’ und verspottet durch seine Standbilder gleichzeitig alle Versuche,
ein Publikum zu manipulieren.

III.: Die ironische Reflexion des - polnischen - Kunstmarkts bestimmt Sektor drei von
„Falsche Erwartung“.

Zbigniew Rogalski (Warschau) verspottet das Geschäft mit der Kunst und den
EU-Beitritt Polens u.a. in einem Gemälde, das einen Maler beim akribischen Verfertigen
von Euro-Noten zeigt. „Falsche Erwartung“ betrifft hier auch die weitläufigen
Versprechungen, die in der Rhetorik populärer polnischer Politiker mit Europa verknüpft
werden.

IV.: Sektor vier der Darmstädter Schau inszeniert einen ungewohnten Blick auf die
jüngste Geschichte.

Zbigniew Libera (Warschau) präsentiert simulierte Verpackungen von LEGO-System-Kästen,
mit denen sich ein Konzentrationslager bauen läßt. Die höllische Welt der nationalsozia-
listischen Vernichtungslager in Polen und der Gedanke eines Kinderspiels, das zunächst
Unschuld suggeriert, werden enggeführt. Liebera gelingt es mit dieser Durchbrechung
der Betrachtererwartung, das Unfaßbare, aber vielfach Beschriebene, durch einen Schock
blitzartig bewußtzumachen.





August Becker: Heroische Landschaft, Öl auf Leinwand, 1861