Halle
Studio
Vorschau
Ausstellungen
2003
Kunsthalle Darmstadt
16.
September
bis 25. November 2003
"Wings of Art – Motiv Flugzeug "
Robert Adrian X - Alighiero E. Boetti - Are You Meaning Company-
Johannes Brus - Zvika Kantor - Sven Kroner - Philipp Lachenmann -
Vera Lutter – Malcolm Morley - Ed Osborn – Panamarenko -
Peter Robinson –Alberto Simon- Vera Sous - Nancy Spero -
Thomas Virnich - Wolf Vostell - Boyd Webb - Telemach Wiesinger
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“Wings of Art” in der
Kunsthalle Darmstadt und im Ludwig Forum Aachen lotet die vielschichtige Symbolik des gleichermaßen alltäglich wie „mythisch“ erscheinenden Verkehrsmittels Flugzeug aus. Ein Leitgedanke der Ausstellung „umkreist“ das Thema Geschwindigkeit. Die Künstler setzen dem Flugtempo eine kunstinterne Geschwindigkeit gegenüber. Vera Lutter fotografiert mit einer Camera Obscura unter Verwendung extrem langer Belichtungszeiten moderne, schnelle Verkehrsmaschinen am Boden. So inszeniert sie eine Zwiesprache von Bewegung und Stillstand, moderner und archaischer Technik. Ed Osborn zeigt in seinem Video eine Verkehrung der Geschwindigkeiten. Ein gelandetes Flugzeug bildet das ruhende Zentrum des Films, um das herum sich hektische Betriebsamkeiten entfalten. Die Maschine wird zur statischen Kulisse, zur erstarrten skulpturalen Form, die ihre potentielle Energie nur erahnen lässt. Eine ähnliche Verkehrung gestaltet Sven Kroner in seiner Malerei: dynamische Bewegungen finden sich ausschließlich bei den Wolkenzügen im Himmel oder beim Erdboden, der fließende – mit breitem Pinsel aufgetragene - Strukturen aufweist, während die kleinen Sportflugzeuge in Warteposition verharren. Panamarenko präsentiert mit „K 2“ ein absurdes Vehikel, halb Fluginstrument, halb Fahrzeug. Das Gerät hat weder Flügel noch Räder, kann weder fliegen noch fahren. Es erscheint als unlogisches Mixtum unzusammenhängender Rudimente, die sich augenscheinlich der Evolution der Maschinen zu entziehen vermochten. „K 2“ ist so gleichermaßen archaisch wie – geht man von einer Funktionstüchtigkeit des Apparats aus - utopisch. Bei Philipp Lachenmann ist eine völlige Erstarrung eingetreten. In seinen Fotografien zeigt er einen Flugzeugfriedhof, präsentiert beispielsweise das losgelöste Cockpit einer ausrangierten Air Force 1, der legendären Maschine des US-amerikanischen Präsidenten. Die große, auf Repräsentation angelegte Weltpolitik wird so hintergründig durchbrochen, als freistehende – leere - Kulisse entlarvt, als schrottreifes Relikt, funktionsloses Fragment. Robert Adrian X inszeniert eine solche kreative Funktionslosigkeit durch seine aus Flugzeugmodellen bestehenden Ornamente. Die Flugzeuge stehen sich sozusagen im Weg, behindern einander, bilden einen dynamischen Strudel. Steht das Flugzeug normalerweise für die größtmögliche individuelle Bewegungsfreiheit, bindet es Adrian X in eine übergeordnete Struktur ein, die – als perfekt symmetrische Form – auf die Gesetze der zweckfreien Ästhetik verweist. Bei Alighiero E. Boetti werden die Flugzeuge zum leuchtenden Dekorum des Himmels, zum atmosphärischen Phänomen. Die Tryptichen – als Form des Flügelaltars - setzen das Motto von „Wings of Art“ wortwörtlich in Szene. Der Fotograf Telemach Wiesinger präsentiert Flugzeuge in Ausschnitten. Es entstehen reduzierte, abstrakt wirkende geometrische Muster, die das Flugzeug als Träger einer minimalisierten Ästhetik erscheinen lassen, als abstrakte Skulptur, als Träger von künstlich wirkenden Horizontlinien Nancy Spero, Malcolm Morley, Boyd Webb und Wolf Vostell bilden symbolische Variationsketten zur Verbindung von Flugmaschinen und Krieg. Nancy Spero zeigt in ihrer „Kriegsserie“ eine mythisierte Technik. Die Rotorachsen der – an den Vietnamkrieg erinnernden – Helikopter werden zum Kreuz Christi. Die Kampfmaschine bietet allerdings weder Auferstehung noch Erlösung. Sie ist Manifest der sinnlosen Opfer, die in eine todbringende Maschinerie eingespannt sind. Malcolm Morleys gemalte überdimensionierte „Bastelbögen“ von Kampfflugzeugen verwandeln die fliegenden Waffenträger in ein Spielzeug. Einerseits wird so der Mythos einer überlegenen Technik wortwörtlich zerlegt. Andererseits reflektiert Morley die von der Kindheit an einsetzende Erziehung zum Krieg. Boyd Webb präsentiert eine verhängnisvolle Balance. Der liegende Mensch scheint nur durch die Bewegung der miniaturisierten – von Menschenhand geführten - Kampfflugzeuge vor dem Absturz bewahrt zu werden. Symbolisiert ist so die scheinbare Notwendigkeit von Krieg für den Menschen. Es entsteht eine tödliche, absurde Balance of Power, in die der Mensch – das zeigt das Netz am Fuß des Mannes – unweigerlich verstrickt ist. Wolf Vostell lässt Mensch und Maschine unmittelbar gegeneinander antreten, zeigt ein Starfighter-„Konzert“ und die Stimmen von Menschen, die den Flugzeuglärm zu übertonen suchen. Eine merkwürdige Liaison gehen Natur und Flugzeug in den absurden Arbeiten von Johannes Brus, Vera Sous, Zvika Kantor und Thomas Virnich ein. Bei Johannes Brus erscheint das Flugzeug lediglich als Schatten auf einem Pferdearsch, aus der Perspektive einer organischen Masse. Das mächtige Instrument der Lüfte wird so ironisiert, geht sozusagen „am Arsch vorbei“. Vera Sous bettet das Motiv Flugzeug in einen dichten Verbund von zeichnerischen Mustern, die an Molekularstrukturen, wuchernde Pflanzen oder Quallen erinnern. So führt sie die Technik auf Strukturen derer zurück und betont gleichzeitig die unorganischen Komponenten der Kampfflugzeuge, die natürliches Leben auslöschen. Bei Zvika Kantors Skulptur stemmt ein massiger Elefant den skelettierten Rumpf eines Flugzeugs. Die Technik erscheint so als entleert, als angewiesen auf die Kraft der Natur, als deren Spielball. Thomas Virnich zeigt das Flugzeug als „gestrandeten“ Albatros auf einem fliegenden Teppich. Das legendär ungeschickte Tier – das auch, so bei Baudelaire, als Zeichen für „Künstler“ gilt- wird zur Chiffre für eine Technik, die vielfach mit Magie gleichgesetzt wird und gleichzeitig stets ihre prinzipiellen Grenzen zu erkennen gibt. Ein Raum der Ausstellung versetzt den Betrachter symbolisch in eine Höhe von vielleicht 10000 Metern. Von der Decke herab hängt die Flugzeugskulptur des neuseeländischen Künstlers Peter Robinson. Das riesige Flugzeug weist die Farben der Maori, der Ureinwohner Neuseelands auf. Es erinnert daran, dass die Flugmaschinen der „zivilisierten“ Welt einst von den „Wilden“ als Götter betrachtet und als Weihegegenstände nachgebildet wurden. Unterhalb des Flugzeugs, auf dem Boden des Raums, befindet sich die winzige Stadtlandschaft des japanischen Künstlers „Are You Meaning Company“ (Ayumi Minemura). Der Betrachter befindet sich so hoch in der Luft – der Heimat des Flugzeugs. Ansprechpartner: Jana Keilich Kunsthalle Darmstadt keilich@kunsthalledarmstadt.de Steubenplatz 1 64293 Darmstadt Tel. 06151 891184 www.kunsthalle-darmstadt.de Dr. Annette Lagler Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen Jülicher Straße 97-109 52070 Aachen Tel. 0241 1807110 www.heimat.de/ludwigforum |
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